Ayurveda – ein historischer Überblick (Von der Frühzeit bis zu den klassischen Werken der „großen Dreiheit“)
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Ayurveda – ein historischer Überblick
(Von der Frühzeit bis zu den klassischen Werken der „großen Dreiheit“)
Ananda Samir Chopra
 

Ayurveda: Warum dieser historische Überblick?
„Neulich habe ich einen Vortrag über die erfolgreiche Behandlung von Krankheiten mit Āyurveda gehört“, erzählt mir ein befreundeter Arzt. „Der Vortragende ist Professor und Chefarzt einer Āyurveda-Klinik in Indien“, fährt der Freund fort, „war aber trotzdem sehr traditionsverbunden.“ Auf meine Frage, woran er dieses denn erkannt habe, sagt der Freund:
„Wenn wir einen Vortrag über erfolgreiche Therapien halten, dann zitieren wir neueste Literatur und berufen uns auf die neueste Forschung, der indische Professor aber berief sich
in seinem Vortrag auf āyurvedische Literatur, die zum Teil über tausend Jahre alt ist !“

Diese Beobachtung des Kollegen weist auf etwas hin, was für den Āyurveda und die indische Kultur insgesamt charakteristisch ist. Im modernen Europa gilt das „neue Lied“ meist als das bessere Lied“, wie man in Anlehnung an Heinrich Heine sagen könnte. In der indischen Kultur gilt gleichsam das Gegenteil, wertvoll und wichtig ist vor allem das alte Wissen. Dies führt dazu, dass auch Autoren, die ganz neue und gelegentlich revolutionäre Erkenntnisse mitteilen, gerne Bezug auf altes Wissen nehmen. Der indische Neuerer wird also nicht sagen: „Hört her, ich habe Euch etwas Neues mitzuteilen“. Vielmehr würde er eher so formulieren: „Was ich Euch mitteile, ist gar nichts neues, sondern es steht längst in diesem oder jenem alten Werk, Ihr habt es nur nicht zu lesen gewusst!“

Im Āyurveda bedeutet dies, dass auch moderne āyurvedische Ärzte sich immer wieder auf die alten Lehrer des Āyurveda beziehen. Die alten āyurvedischen Werke sind also nicht nur von historischem Interesse, sondern sie inspirieren und beeinflussen auch die gegenwärtige Ausübung von Āyurveda.
Dieser zweiteilige Artikel bietet eine kurze historische Übersicht um innerhalb der āyurvedischen Literatur eine allgemeine Orientierung zu ermöglichen. Insofern ist auch dieser historische Überblick in erster Linie ein Überblick über die historische Entwicklung der āyurvedischen Fachliteratur.

Der Āyurveda („Wissenschaft vom Leben“, siehe Artikel „Was heißt Āyurveda?“) wird seit
mindestens zweitausend Jahren im Indischen Kulturbereich als Heilkunde und Gesundheitslehre praktiziert. In den vergangenen rund zweitausend Jahren ist eine vielfältige und umfangreiche āyurvedische Fachliteratur entstanden, die für āyurvedische Ärzte noch heute von Bedeutung ist. In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, dass jede Heilkunde in einem besonderen kulturellen Umfeld entsteht und sich entwickelt.

Die indische Kultur ist nicht nur sehr alt, sondern weist auch eine außerordentliche Kontinuität auf. Für den Āyurveda heißt das, dass sich von der Zeit um Christi Geburt bis heute eine kontinuierliche, literarisch dokumentierte, āyurvedische Wissenschaft nachweisen lässt. Kontinuität ist aber nicht gleichbedeutend mit Erstarrung. Wie das Leben, selbst so wandelt sich auch der Āyurveda stetig und dies schlägt sich in der āyurvedischen Fachliteratur nieder. Allgemeine Probleme der Geschichtsschreibung in Indien Betrachtet man die āyurvedische Wissenschaft aus historischer Sicht, so stößt man sehr schnell auf praktische Probleme:

Die indische Kultur, die viele Errungenschaften vorzuweisen hat, kennt im allgemeinen keine Geschichtsschreibung. Außerdem herrschte in der indischen Tradition die Auffassung, dass echtes Wissen zeitlos gültig und zeitlos vorhanden sei. Die Frage, wer zu welcher Zeit etwas neues erdacht oder entdeckt habe war also völlig uninteressant, denn nach dieser Auffassung konnte ja eigentlich nur etwas schon Vorhandenes gleichsam wiederentdeckt werden. Diese beiden Probleme machen die Datierung āyurvedischer Literatur außerordentlich schwierig. Die Sprache, in der ein Werk verfasst ist, hilft bei der Datierung auch nicht weiter, denn āyurvedische Fachliteratur wird seit zweitausend Jahren fast ausschließlich in Sanskrit, der altindischen Hochsprache, verfasst.

Zitate aus vorangegangenen Werken geben einen Anhalt für die Abfolge von Werken aber sonst gibt es fast keine inneren Kriterien um āyurvedische Fachliteratur zu datieren. Man ist hier also auf äußere Kriterien angewiesen. So finden sich zum Beispiel Verweise auf āyurvedische Literatur nicht nur in Inschriften sondern etwa in Berichten buddhistischer Pilger aus China oder später auch arabischer Reisender. Ein anderes Hilfsmittel sind die Übersetzungen āyurvedischer Werke.

Āyurvedische Literatur ist nämlich über viele Jahrhunderte in nichtindische Sprachen übersetzt worden. So entstehen im Gefolge des Buddhismus etwa Übersetzungen āyurvedischer Werke in mitteliranische Sprachen oder ins Tibetische. Islamische Gelehrte des Mittelalters übersetzten āyurvedische Literatur auch ins Arabische. Diese Übersetzungen sind meist - wenigstens in groben Zügen - datierbar und geben wertvolle Anhaltspunkte für eine historische Einordnung.

Ananda S. Chopra

(Dr. Kalyani Chopra, Leitende Ärztin der Ayurveda-Klinik Kassel)

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